Musik trotz(t) Corona – Krise, und dann?

Stay home, stay safe! 

Dieser Tage hören wir diese Worte immer wieder, und hoffentlich halten sich alle weitestgehend daran. Hier noch schnell eine Rolle Klopapier ergattern, unterwegs vielleicht noch ein Paket Nudeln erwischen, und dann schnell nach Hause, wo die unausgelasteten Kinder schon farbenfrohe Graffitis an die Schlafzimmerwand gezaubert haben.

Ja, die derzeitige Situation ist für alle schwierig und vor allem neu. Wer das Glück hat, in Festanstellung zu stehen, kann es sich leisten und die aufgezwungene Zeit nutzen, lang aufgeschobene To-do-Listen endlich abzuarbeiten, oder sich auch mal einen Moment auf den sonnigen Balkon zu setzen. Wir Musiker arbeiten natürlich auch zu Hause weiter: Programme werden vorbereitet, Tonleitern geübt – alles, nur nicht aus der Form geraten! Schließlich bedeutet Stillstand in unserem Beruf auch Qualitätsverlust. Wir hoffen darauf, bald wieder in gewohnter Manier arbeiten zu können und unseren wunderbaren Beruf dort ausüben zu dürfen, wofür er erfunden wurde: im Konzertsaal oder Orchestergraben, um das Publikum dann mit unserem Endprodukt, einem Konzert oder einer Opernaufführung, zu begeistern. 

Hart trifft die derzeitige Situation allerdings all diejenigen, die nicht fest angestellt, sondern freiberuflich unterwegs sind. Auch sie üben weiter, bereiten sich (auf das Unabsehbare) vor, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Sie investieren weiterhin Zeit, Disziplin und Material in den Fortbestand ihres Kapitals: die professionelle Qualität ihres Spiels. Der Unterschied nur: Wovon leben, wenn die Einnahmen, Engagements, Auftrittsmöglichkeiten wegbrechen?

Das Durchschnitts-Jahreseinkommen freiberuflicher Musiker lag im Jahr 2019 bei knapp 14.500 Euro (brutto), wobei Frauen dabei durchschnittlich noch einmal ca. 2.400 Euro darunter lagen (Statistik hier einsehbar). Nicht gerade ein fürstliches Einkommen, bedenkt man dabei auch anfallende Kosten wie Material (Instrumente, Zubehör, Noten etc.) und Reisekosten, die zumeist vom Künstler selbst getragen werden müssen. Die Beiträge für eine Absicherung bei der Künstler Sozialkasse dürfen nicht vergessen werden. Zur Bildung eventueller Rücklagen dürfte dieses Einkommen bei Weitem nicht reichen.

Durch die Corona-Krise brechen nun international sämtliche Erwerbsmöglichkeiten von heute auf morgen weg. Wie soll man da die Moral aufrecht erhalten? Die Deutsche Orchesterstiftung hat zu diesem Zweck einen Nothilfefonds eingerichtet, der Freischaffenden zur Überbrückung das Weiterleben ermöglichen soll. Spenden kann man hier. Viele Ensembles, Institutionen und Orchester haben bereits gespendet, so auch ‚mein‘ Orchester, die Essener Philharmoniker. 

Doch der Fortgang ist ungewiss. Wie wird es nach Corona weitergehen, und vor allem, wann? Werden wir zur gewohnten Tagesordnung übergehen können? Wie die wirtschaftliche Situation aussehen wird, von der der gesamte Kulturbetrieb nicht unwesentlich abhängt, kann momentan niemand absehen. Es gilt zu verteidigen, dass die unbedingte Notwendigkeit und Einzigartigkeit unseres Kulturbetriebes während und auch nach der Krise weiterhin anerkannt und gefördert wird. 

„Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder nach Belieben streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere innere Überlebensfähigkeit sichert.“, so der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Jahr 1991. Seither hat diese Aussage nichts von ihrer Dringlichkeit verloren. Sie scheint mir gerade jetzt besonders wert, ins Gedächtnis gerufen zu werden! Viele Künstler, Schauspielbühnen, Orchester, Musiktheater, geraten derzeit in eine prekäre Situation. Mancherorts wird auch Kurzarbeit in die Waagschale geworfen, da die kleineren Theater und solche mit privater Trägerschaft um ihr nacktes Überleben kämpfen müssen. Wie eine solche im Falle eines Musikers jedoch aussehen sollte, der im Moment keinerlei Möglichkeiten hat, seinen Beruf ‚an die Rampe‘ zu tragen, zu Hause ja aber weiterhin vollumfänglich seiner Arbeit nachgeht, ist unklar.

Trotz aller Konsterniertheit könnte dieser Einbruch aber auch eine Chance in sich bergen.

Neben der großen Solidaritätswelle, die finanziell von vielen Musikern und Orchestern in den letzten Tagen ausgegangen ist, finden sich nun zahlreiche kreative Ideen, wie man mit der Einstellung des gängigen Betriebes umgehen kann. Ob live-Streaming, kostenlose Mediatheken, Backstage-Einblicke oder neue Konzepte im Bereich Social Media und Education – viele Formate werden nun neu geschaffen und liefern somit einen Anstoß zur Erweiterung und Ergänzung des digitalen Angebots.

Steht der Theaterbetrieb nun mehrere Wochen still, werden wir schnell merken, welche Lücke der Spielstop in unseren Alltag, unser Leben, unser Gemüt gerissen haben wird. Die Notwendigkeit von Kunst und Kultur wird spürbar. Spürbar wird auch, was es für Künstler bedeutet, nicht spielen zu können.

Wie können wir auch zukünftig noch mehr Menschen ansprechen, noch mehr Publikum gewinnen und begeistern für das, was wir tun? Erinnern wir uns alle erneut daran, wieso wir unseren Traumberuf ergriffen haben, auch wenn der Weg vielleicht steinig war, und dieser – gerade im Fall der freischaffenden Kollegen – nicht immer mit finanzieller Sicherheit einhergeht.

Das Wort Krise kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet so viel wie ‚Entscheidung‘ oder ‚Scheideweg‘. Als solchen sollten wir die derzeitige Situation verstehen und zum Besseren ummünzen. 

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