Die Not der Anderen

Mittlerweile liegen die Osterfeiertage eine gute Woche hinter uns. Ein besonderes Osterfest war das, ohne Gottesdienste, größere Feierlichkeiten, auch ohne Konzerte und Aufführungen, die sonst in die Passionszeit gehören. Der MDR sendete live eine eigens geschriebene Version der Johannespassion für Continuo, Schlagwerk und Sänger, der alle Rollen auf einmal bediente. Die Chöre wurden live aus den verschiedensten Regionen der Welt zugeschaltet – ein bisher nie dagewesenes, der Situation geschuldetes Szenario, das auf seine Weise sehr berührend war.

Doch dieser Einfallsreichtum in Verbindung mit den technischen Mitteln stellte die Ausnahme dar. Für Freischaffende entfiel dieses Jahr eine wichtige Haupteinnahmequelle, viele Ensembles, Chöre, Musiker, hatten sich teilweise lange Zeit auf die Ostertage vorbereitet und mussten dann durch die Coronakrise auf die Aufführungen verzichten. Glücklicherweise leben wir in einer Zeit, in der man auf zahlreiche gute Aufnahmen und Streamingportale zurückgreifen kann. Den wahren Charakter einer konzertanten Darbietung können diese Formate allerdings nicht ersetzen.

Beim österlichen Durchforsten der Onlineportale und des eigenen CD-Regals beschlich mich dieser Tage ein ungutes Gefühl, und ich kam nicht umhin, eine Parallele zur derzeitigen kulturellen Krise zu ziehen.

SOCIAL MEDIA UND DIE NOT DER ANDEREN

Momentan wird viel diskutiert und viel getan – ein musikalischer Aktionismus durchflutet das Netz. Großartige Ideen, neue Formate, immenses Engagement dokumentieren die Daseinsberechtigung und Notwendigkeit unserer kulturellen Institutionen. Nicht aus dem Gedächtnis geraten, weiterspielen, weiterkämpfen. Ein Aufschrei nach gegenseitiger Solidarität ertönt durch die sozialen Netzwerke. Durchaus erfolgreich: Die Deutsche Orchesterstiftung hat bereits weit mehr als eine Millionen Euro für die Soforthilfe freischaffender Musiker generiert, auch andere Hilfspakete wurden geschnürt. Leider reicht dieses Geld noch bei Weitem nicht aus, und das derzeitige Modell der staatlichen Grundsicherung ist zurecht für viele der Freischaffenden sehr frustrierend. Hier kann man nur hoffen, dass diesbezüglich schleunigst nachgebessert wird.

Was mir allerdings nicht einleuchtet, ist die Tatsache, mit welcher Vermessenheit und wie vielerlei Maß manche Kollegen gerade zu Gerechtigkeitsexperten avancieren. Man gewinnt fast den Eindruck, Selbstdarstellung und der erhobene Zeigefinger seien die Hauptbestandteile einiger Onlinebeiträge.

Es ermangelt nicht einer gewissen Perfidität, dass zum Teil von denen am lautesten nach Solidarität in den gängigen sozialen Medien geschrien wird, die sich im sicheren Netz einer Festanstellung oder sonstiger komfortabler Situation befinden, und denen eine ‚großzügige‘ Spende von 200 Euro nicht wehtut. Sobald man dann beginnt, diese ‚Solidarität‘ regelrecht zu vermarkten, ist die Grenze der Geschmacklosigkeit bereits erreicht. Das hat nichts mit Werben für eine gute Sache zu tun, mit dem Aufzeigen von Missständen oder dem Einsetzen für sozial Schwächere, sondern ist lediglich ein gefundener Happen zur Speisung von Facebook, Twitter und Co.

Sicher – Spendenbereitschaft und öffentlicher Diskurs sind wichtig. Handelt es sich aber wirklich um einen offen geführten Diskurs, oder sind wir nicht ein bisschen zu bequem, wirklich an den Kern der so oft propagierten Solidarität zu gehen, auch wenn es für uns unbequem wird?

Muss man als Festangestellter die Gagen für nun entfallene Zusatzprojekte dann wirklich einfordern und auf Verträge pochen? Hat man das Recht, sich öffentlich derart über die Ungerechtigkeit zu echauffieren, während man selbst zu Hause sitzt und ganz sicher weiß, dass die kommenden Monate vielleicht eingeschränkt, grundsätzlich aber sicher bewältigbar sein werden?

In letzter Zeit las ich auch immer wieder von der Kluft zwischen ‚Euch‘ und ‚uns‘ – Festangestellten und Freischaffenden. Ich hoffe stark, dass alle Musiker und Künstler mit regelmäßigem Gehalt sich glücklich schätzen und wissen, wie gut es ihnen geht. Auch hier sind die Unterschiede der Gagen teilweise eklatant – ein Balletttänzer wird wissen, wovon ich spreche. Trotz Kurzarbeit oder sonstiger Maßnahmen wird der Lebensunterhalt aber bestreitbar bleiben. Sehr viele Freischaffende haben freilich nicht dieses Glück und stehen vor massiven, von der Politik erzwungenen existenziellen Problemen.

‚Uns‘ fehle teilweise die nötige Empathie, um zu verstehen oder vollwertig nachfühlen zu können, wie es um ‚Euch‘ stehe. Eine solch demagogische Trennung des einen vom anderen erhält auch dann einen unangenehmen Beigeschmack, wenn sich so Kollegen äußern, die beispielsweise im Familienverbund zu viel für staatliche Beihilfe verdienen oder anderweitig zunächst keiner existenziellen Bedrohung ausgesetzt sind. Empathie(-losigkeit) funktioniert in beide Richtungen.

SOLIDARITÄT – EIN SENTIMENTALER BEGRIFF?

Solidarität kann sich der leisten, der keine nötig hat. Sie funktioniert also immer ‚von oben nach unten‘. Da liegt es in der Natur der Sache, dass man sich in irgendeiner Form in der Geberrolle befindet. Unbestreitbar wichtig ist das solidarische Bewusstsein tatsächlich für Menschen, die ohne Hilfe und Beistand unverschuldet in die Existenzkrise rutschen.

Wir können uns das Solidarisch Sein leisten. Machen wir ein kleines Gedankenexperiment. Stellen wir uns vor, plötzlich haben die Theater und Städte kein Geld mehr. Wir erleben drastische Gehaltskürzungen oder gar Arbeitslosigkeit, einen Markt, der keine Arbeit und keine Nachfrage mehr für das hergibt, was wir gelernt haben. Wären wir noch solidarisch mit denen, denen es schlechter geht? Wenn es uns ans eigene Leder geht, sieht die Welt doch auf einmal ganz anders aus. Es ist leicht gesagt: Zeigt Euch solidarisch!

Keine böse Unterstellung, sondern eine menschliche Regung ist es, dass Werte wie die Solidarität in vielen Fällen auch aus einer teilweise egozentrischen Motivation heraus entstehen. Es gibt uns das gute Gefühl, aktiv etwas gegen das Schlechte, beziehungsweise etwas für die, die darunter leiden, getan zu haben, ohne, dass wir uns dem wahren Kern der Problematik oder dem Individuum selbst stellen müssen. Sie verstärkt auch das positive Gefühl, dass es uns besser geht als den anderen und befriedigt somit ein Urbedürfnis: Das Bewusstsein und Erleben der eigenen Sicherheit.

DIE PHARISÄER DER KULTURBRANCHE

Wenn nun die Klagen über die eigene, bemitleidenswerte Situation öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzt werden, weil vielleicht Hilfsangebote aufgrund der positiven gesamtwirtschaftlichen privaten Lage nicht vollständig greifen, man dann gleichzeitig zur Schau stellt, wie viele Hilfsprojekte man finanziell bereits unterstützt hat, da man sich ja glücklich schätzen kann, wie gut es einem eigentlich geht, ist das Pharisäertum in Reinkultur.

Denn wie viele Freischaffende fallen derzeit wirklich durch das soziale Netz! Es scheint absurd, aufgrund eines staatlich auferlegten Shut-Downs Grundsicherung beantragen zu müssen, während andere selbständige Unternehmer und Firmen vollumfänglich Hilfspakete nutzen können, von denen die Kulturschaffenden rein gar keinen Nutzen haben. Hier besteht in der Tat dringender Verbesserungs- und Handlungsbedarf.

Eine digitale Detox-Phase scheint jedenfalls ratsam – Bescheidenheit ist eine Zier, sagt eine Binsenweisheit.

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